Übersichtskarte des Ruhrgebiets

die grenzen des reviers

Was macht das Ruhrgebiet aus? Gibt es eine Ruhrstadt? Wäre sie überhaupt erstrebenswert? Und woran scheitert sie bisher?

kein fleisch, kein fisch

Die Ruhrstadt ist in ihren Außenbereichen so uneindeutig wie im Kern auch: Weder Fleisch noch Fisch. Ländliche Versatzstücke wechseln sich mit urbanen Strukturen ab. Lediglich die Schlagzahl der verstädterten Inseln nimmt zum Rand hin ein wenig ab. Die Grenzen des Reviers sind fließend.

Wir sind Pott - ihr seid es nicht?

Wir sind Pott - ihr seid es
nicht?

Immer wieder kommt es vor, dass sich ganze Bevölkerungsgruppen gegenseitig ihre Zugehörigkeit zum Ruhrgebiet absprechen. Da wird beispielsweise bei Heimspielen des FC Schalke 04 ein Alleinvertretungsanspruch für das Ruhrgebiet erhoben. Andere halten allein den Mond von Wanne-Eickel für das einzig Wahre, während Essen die Führungsrolle für sich reklamiert. Der bekennende Lokalpatriot Frank Goosen proklamiert, mit Neukirchen-Vluyn hätte er "nichts zu tün".

Das Stigma des Underdogs wird hier ins Positive verkehrt und mit stolzer Brust plakativ vor sich hergetragen. Die Identifikation mit der Rolle des Benachteiligten wird derart grotesk übersteigert, dass die Teilhabe des jeweiligen Rivalen an der gemeinsamen Heimat schlicht ignoriert wird. Wenn als Kriterium für die Zugehörigkeit zum "Kern des Ruhrgebiets" ein rein industriell ausgerichtetes Stadtgepräge und praktisch keinerlei Anteil am Umland herhalten muss, bleiben am Ende nur noch Herne und Wanne-Eickel übrig. Alle anderen Gemeinwesen ragen mit ihren Stadtgrenzen weit in die sie einbettenden ländlichen Regionen hinein. Was also macht ein Gemeinwesen zu einer "typischen" Ruhrgebietsstadt?

besondere kennzeichen: viele

Steinkohlenbergbau allein macht noch lange kein Ruhrgebiet - sonst zählte Gelsenkirchen, wo zum heutigen Tage keine einzige Zeche mehr fördert, längst wieder zum Münsterland und Haltern am See wäre nun tiefstes Revier. Um eindeutig als Revierstadt erkannt zu werden, muss ein Gemeinwesen auch ein gewisses städtebauliches Gepräge mitbringen. Und gerade dieses ist stark davon abhängig, wann der Bergbau bei seiner Nordwanderung die jeweilige Stadt erreicht hat. Sieht man sich die Kennzeichen auf den Parkplätzen der heute noch aktiven Zechen an, bemerkt man, dass sich die Belegschaft aus allen Teilen des Reviers rekrutiert. Der Bergmann von heute ist mobil- anders als noch vor 100 Jahren, als er sich in unmittelbarer Nähe zum Schacht, in dem er anfuhr, niederzulassen hatte. Das Ruhrgebiet, wie wir es heute kennen, gibt es noch gar nicht all zu lang - 150 Jahre gerade einmal. Vor der Ruhrstadt, wie wir sie heute kennen, existierte an dieser Stelle lediglich eine verschlafene Provinz an der Schnittstelle zwischen Niederrhein, Sauerland, Westfalen und Bergischem Land. Genau hier, zunächst kaum der Rede wert, entwickelte sich durch einen geologischen Zufall das Ruhrgebiet.

Fast wie bei uns zuhause

Fast wie bei uns zuhause

Die Jahrmillionen alten Kohleflöze konnten nicht wissen, wo sie letztlich zu liegen kommen, wann sie von Menschen entdeckt werden und welche Grenzen in der Zwischenzeit über ihnen gezogen wurden. So ist das Revier heute zwar landschaftlich und politisch uneinheitlich, geschichtlich und architektonisch jedoch zusammengewachsen. Dieser städtische Ballungsraum wird scheinbar willkürlich zerschnitten von allen möglichen althergebrachten Verwaltungsgrenzen. Überall dort, wo etwas Neues entsteht und gegebene Karten neu gemischt werden, gibt es Gerangel und Gezerre um Pfründe und Zuständigkeiten. Dies spiegelt sich noch heute im Kirchturmdenken in den Rathäusern des Reviers wieder. Immerhin geht es hier um echtes Geld und nicht zuletzt um Posten und Einfluss. Hier nun kommt eine besondere deutsche Unart zum Tragen: Das Problem wird seit mehr als einem Jahrhundert einfach ausgesessen.

Die Menschen an der Ruhr wachsen in dieses komplizierte Geflecht hinein. Verwaltungstechnische Absurditäten gehören zum Alltag. Dass der Nachbar auf der anderen Straßenseite einem anderen Regierungspräsidenten untersteht, erscheint normal. Mit der Zeit glaubt man sogar, bei den Nachbarn völlig fremde Wesenszüge auszumachen. Betrachtet man das Ruhrgebiet von der Ferne, wirkt derlei lächerlich. Für den Außenstehenden erscheint es, als streiten sich sich die Schmuddelkinder darum, wer schmuddeliger ist. Um das Ruhrgebiet nicht als Ganzes wahrzunehmen, bedarf es schon einiger Anstrengung. Man muss nur hinfahren und den Menschen zuhören. Natürlich fallen dem geschulten Ohr lokale Varietäten auf, aber diese sind angesichts des gemeinsamen Kanons an ruhrgebietstypischen Insignien (Sprache, Städtebau, Landschaft usw.) minimal. So gibt es auch in München sprachliche und bauliche Unterschiede zwischen Unterschleißheim und Unterhaching - dennoch wird niemand ihre Zugehörigkeit zu München bestreiten wollen.

das heil in der flucht?

Auch in Haltern wird aktiv Bergbau betrieben - zur Ausbildung eines ruhrstädtischen Gepräges kam es jedoch in der Folge nicht. Dazu kam der mittlerweile mechanisierte (und damit weniger personalintensive) und ohnehin geschrumpfte Bergbau zu spät in diese Region. Die Halterner Bürger werden es leicht verschmerzen - sie sehen ihre Zukunft ohnehin nicht im Revier. Die Umbenennung der Stadt in das touristisch wirksamere "Haltern am See" setzt ein deutliches Zeichen. Die Frage lautet auch gar nicht, ob Haltern, Wesel oder Breckerfeld zum Ruhrgebiet gehören. Die Frage ist, ob die Kreisgrenzen in ihrer derzeitigen Form überhaupt noch Sinn machen. Im Zuge der Flurbereinigung der 70er wurde in einem Anfall von Regulierungswut jedes Gemeinwesen, das nicht über mehr als 200.000 Einwohner verfügte, eingemeindet, neugegliedert und ausradiert. Diese Verpflanzungen haben bis heute keine echten Wurzeln geschlagen. Läge eine Stadt mit fast 100.000 Einwohnern auf der schwäbischen Alb - sie wäre ein absolutes Oberzentrum mit vielfältiger kultureller Szene, Instituten und Verwaltungseinrichtungen. Liegt sie im Ruhrgebiet, wird sie kurzerhand von der nächstgrößeren Stadt geschluckt oder (wenn sie Glück hat) irgendeinem Kreis angegliedert. So geschehen im Fall Gladbeck, das nach dem aberwitzigen Konstrukt Glabotki Mitte der 70er Jahre wenigstens seine Eigenständigkeit als Stadt erhalten konnte - wenn auch kreisangehörig zu Recklinghausen. Nur ein winzig schmaler Korridor verbindet Gladbeck mit dem übrigen Kreisgebiet - gäbe es ihn nicht, wäre Gladbecks Schicksal der völligen Desintegration (wie zum Beispiel in den Fällen Wattenscheid oder Wanne-Eickel) besiegelt gewesen.

Niederrhein oder Ruhrgebiet?

Niederrhein oder
Ruhrgebiet?

Wirklich kreisangehörig ist man in Gladbeck deswegen noch lange nicht. Ein kommunaler Mitarbeiter hat es einmal auf den Punkt gebracht. Auf die Frage: "Wie kommen Sie zurecht im Kreis Recklinghausen?" antwortete er: "Ganz einfach: Wir gehören nicht dazu." Zehn Städte machen Zukunft - so oder so ähnlich wird es immer wieder auf Pamphleten des Kreises Recklinghausen zelebriert. Allein beim Bürger kommt es nicht an. Haltern strebt ins Münsterland, Gladbeck trauert der verlorenen Eigenständigkeit nach. Im Osten des vestischen Kreises Recklinghausen ist die Welt dagegen noch relativ in Ordnung - das schon nah an Dortmund gelegene Waltrop ist schon von alters her Teil des Landkreises Recklinghausen. Und dabei ist der Kreis Recklinghausen noch der homogenste Kreis im Revier.

Am Niederrhein sieht es ganz anders aus. Als kurz vor Ablauf des Jahres 2008 im Kreistag zu Wesel die große Entscheidung über die künftige Zugehörigkeit zum Kommunalverband Ruhrgebiet anstand, konnte das Debakel nur mit einer Handvoll Stimmen verhindert werden - die nächste Möglichkeit für diesen Kreis, aus der "Region der Verlierer" (Originalzitat aus der Diskussion) auszusteigen, kommt erst wieder nach Ablauf einer 10-Jahresfrist. Dabei stellt sich die Frage nicht, ob der Kreis Wesel zum Ruhrgebiet gehört oder nicht. Was hat Hamminkeln schließlich mit Kohle und Stahl zu tun?

Zugegeben: Dinslaken, Voerde und die größte Stadt im Kreis Wesel, nämlich Moers, sind niederrheinische Städte. Aber seit 150 Jahren eben auch und vor allem Städte des Reviers. Der Bergbau mit allen seinen Begleiterscheinungen wie Ansiedlung von Schwerindustrie, der Schaffung einer urbanen Siedlungsstruktur und Bildung einer Arbeiterschicht sind hier schon recht früh angekommen und prägen das Stadtbild nachhaltig.

ihr kinderlein kommet

Es gibt sie noch allenthalben, die kleinkarierten Eifersüchteleien, welche Revierstadt die beste, die größte, die typischste ist, oder "wo am meisten los" ist. Nicht nur, dass diese Streitereien keine Früchte tragen. Sie verhindern letztlich, dass etwas noch viel kraftvolleres erwächst. Sie verschleiern auch, was faktisch schon längst Realität ist: Die Ruhrstadt als Summe ihrer Teile. Um mehr zu bieten als nur eine Ziffer unterm Strich, bedarf es eines zusätzlichen Schrittes.

Es spricht nichts gegen gesunde Rivalität und Konkurrenz belebt bekanntlich das Geschäft. Trotz aller Einheitsbestrebungen spricht nichts gegen einen Fortbestand all der traditionsreichen Fullballclubs im Revier. Und das ist auch gut so. Es gibt genügend europäische Beispiele für Metropolen mit mehreren erfolgreichen Mannschaften. Warum auch sollte man die Vereine antasten? Es geht um Kommunalpolitik, nicht um Sport.

Kein Mensch informiert sich ausschließlich über Montmartre, wenn er nach Paris fährt. Niemand mokiert sich über das kulturelle Leben in Kreuzberg, wenn er sich in Berlin niederlassen will. Die Zukunft des Reviers kann nur Ruhrstadt heißen. Erst, wenn man die heutigen Kommunen als Stadtteile der Ruhrstadt versteht, kann man langfristig als attaktiver Standort bestehen. Nur die Ruhrstadt hat das entsprechende Gewicht, auch international wahrgenommen zu werden. Wir reden hier immerhin über die größte Stadt Deutschlands mit mehr als 5 Millionen Einwohnern. Nur: keiner kennt sie.

Gruß aus Westfalen?

Gruß aus Westfalen?

Wer gehört nun also dazu, wer nicht? Wie definiert sich dieses seltsame Konglomerat von Ansiedlungen und Industriestädten? Ich vertrete eine sehr tolerante und inkludierende Auslegung des Begriffes Ruhrstadt. Die Ruhrstadt heißt jeden willkommen, der sich ihr verbunden fühlt und ihre Chancen begreift. Sie ist niemandem böse, der (noch) nicht mitmachen will.

Ob Bergkamen eine Stadt der Ruhrgebiets ist, hat nichts mit meiner persönlichen Einschätzung zu tun. Ausschlaggebend ist einzig und allein, ob die Bergkamener Bürger das auch so sehen und ob sie teilhaben wollen an der Ruhrstadt. Es geht nicht darum, in welcher kommunalen Konstellation unter den jetzigen Gegebenheiten möglicherweise mehr herausspringt. Es geht darum, die Gegebenheiten anzupassen. Das Gebot der Stunde ist ein klares Bekenntnis. Dass man aufrichtig zur gemeinsamen Geschichte steht und dass die fruchtlosen Kleinkriege aufhören. Dass man zum Wohle der Bürger notfalls auch auf persönliche Vorteile verzichtet, um das große Projekt endlich zu realisieren.