Recklinghausen Süd

was ist schon schön?

Muss eine Stadt schön sein, um zu gefallen? Oder gibt es ganz andere Faktoren, die eine Stadt lebens- und liebenswert machen, und erwächst daraus eine ganz spezielle Form von so etwas wie - Schönheit?

die üblichen verdächtigen

In einer Bewertung der Attraktivität aller deutschen Großstädte belegten vor ein paar Jahren in einem großen deutschen Nachrichtenmagazin die Revierstädte wie erwartet die letzten Plätze und festigten somit den Eindruck, den man in anderen Teilen der Republik sowieso immer schon vom Ruhrgebiet hatte. In die Bewertung flossen Faktoren wie Hallenbäder, Theater, Naherholungs- und Einkaufsmöglichkeiten ein.

Freilich kam nur zur Bewertung, was sich innerhalb der jeweiligen Stadtgrenzen finden ließ. Aber macht es wirklich Sinn, die Städte des Ruhrgebiets isoliert zu betrachten? Wer käme auf die Idee, einen Testbericht über die einzelnen Lagen einer Buttercremtorte zu verfassen? Wir müssen fairerweise schon den ganzen Kuchen in Betracht ziehen. Ist es tragisch, dass Bochum über keinen einzigen Revierpark mit Spaß- und Erlebnisbad, Sauna und Sportanlagen verfügt? Fünf dieser Einrichtungen liegen in unmittelbarer Nähe in den Nachbarstädten. Mitunter fährt ein Wiesbadener deutlich weiter zu einer vergleichbaren Einrichtung, die sich dann aber noch innerhalb der Stadtgrenzen befindet.

nicht schön, aber selten

Zugegeben sind gerade die zentralen Bereiche des Reviers dicht bebaut und das nicht immer mit repräsentativen Gründerzeitvillen, sondern auch und vor allem mit Industriebauten. Aber sieht es in anderen Metropolen so anders aus? Betrachtet man die zentralen Bereiche des Ruhrgebiets, muss man schon ein paar Kilometer fahren, um raus ins wirklich Grüne zu kommen. Aber das muss man im Neukölln auch, wenn man nach Heiligensee oder zum Grunewald will.

Der historischen Entwicklung des Ruhrgebiets mit sich gegenseitig voneinander abgrenzenden Nachbarstädten ist es geschuldet, dass inmitten der urbanen Bebauung überall Industriebrachen entstanden, aus denen sich heute grüne Oasen im Stadtdschungel entwickelten. Der Siedlungsbrei des Ruhrgebiets wird immer wieder durch Grünstreifen zerrissen, und dass nicht erst seit den Zeiten des Strukturwandels. In welcher anderen Großstadt wird schon mitten im Siedlungskern Landwirtschaft betrieben? Man muss einen Acker zwischen Wattenscheid und Essen nicht unbedingt schön finden, reizvoll ist der Blick auf den Traktor, der seinen Pflug vor Kohlenzechen zieht, allemal.

Auf Halde Rundenberg

Auf Halde Rundenberg

Und dann gibt es noch die Halden, entstanden als reine Zweckdeponien. Man wusste nicht, wohin mit all dem Zeug, das man neben der Kohle zu Tage förderte. Man schüttete das taube Gestein dort auf, wo gerade Platz war - und das war in der Regel direkt neben der Zeche, die sich inmitten der immer dichter werdenden Siedlungstätigkeit ihrer Arbeiter befand.

industriekultur

Viele Bilder zeigen das Ruhrgebiet als romantisch verklärte Tristesse. Als einen Ort, an dem man sich wohlig gruselt, um dann froh zu sein, wieder nach Hause fahren zu können. Zugegebenermaßen drängen sich im Revier diese Szenen geradezu auf. So werden auf der Vorzeigezeche Zollverein millionenschwerer Renovierungen zum Trotz gerade diejenigen Ort von Reisenden besucht, die eine Geschichte des Verfalls erzählen.

Ehemalige Bergleute wurden von einem Investor gebeten, sich der Maschinenhalle eines ehemaligen Bergwerks anzunehmen und für Besucherströme verkehrssicher zu machen. Die Kumpel zögerten nicht lange und polierten Maschine und Inventar derart gründlich, dass die Halle wie zu Betriebszeiten in neuem altem Glanz erstrahlte. Der Investor brach die Aktion eilig ab - war es doch genau die Patina der vergangenen Jahrzehnte, die er als Touristenattraktion konservieren wollte. Das Ruhrgebiet steckt in einem scheinbaren Widerspruch: Abgerockt oder Edel? Eine gelungene Synthese ist bisher erst an wenigen Orten gelungen. Es fehlt im Ruhrgebiet nicht an Eigeninitiative. Auch die chronisch leeren Kassen sind nicht unbedingt ein Hinderungsgrund für Innovation und Engagement. Und auch, dass viele Menschen ihr Ende des Seils in unterschiedliche Richtungen ziehen, ist eher ein Zeichen für Vielfalt. Was dem Revier wirklich fehlt, ist ein gemeinsames Bewusstsein. Für Kultur, Geschichte und nicht zuletzt: Identität.

zwischen großen namen und breiter basis

Nirgendwo in Deutschland wird mehr Geld und Energie für Leuchtturmprojekte verpulvert, die im selben Moment sterben, wie der Strom ausgeknipst wird. Man schmückt sich gern mit großen Namen, nur "um so zu sein, wie..." Man misst sich mit Hamburg, mit München, mit Berlin. Doch das, was diese Städte ausmacht, kann das Ruhrgebiet nicht ohne weiteres bieten. Dafür hat es ganz andere Qualitäten. Es wimmelt und wuselt an der Basis, überall entsteht etwas Neues, etwas Spannendes. Wenn aber wegen der erwähnten Leuchtturmprojekte kein Krümel des Kuchens mehr für die Basis übrig bleibt, darf sich das Ruhrgebiet nicht wundern, wenn es Richtung Berlin ausblutet. Und doch: Nirgendwo sonst in Deutschland exisiert eine derart dichte Theater und Museenlandschaft wie im Ruhrgebiet.

metropole neuen typs

Das Ruhrgebiet hat kein Zentrum als solches, und das wird auch auf unbestimmte Zeit so bleiben. Dies setzt bei der Teilnahme am kulturellen Leben eine gewisse Mobilität voraus. Man fährt eben nicht abends ins Zentrum, in dem man dann alle Angebote vorfindet und fährt nachts wieder zurück in seinen Vorort. Zentrum und Vorort kann überall in Revier sein. Dank des gut ausgebauten Nahverkehrsnetzes lädt dieser Umstand geradezu zum Entdecken ein. Zwar schimpfen die Menschen an Rhein und Ruhr über zu lange Taktraten und gestrichene Linien, aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Die polyzentrische Struktur des Ruhrgebiets entpuppt sich als Glücksfall für die Planer des öffentlichen Nahverkehrs: keine Rush Hour morgens, wenn alle in die Stadt wollen, und abends, wenn alle wieder raus wollen. Statt dessen werden kontinuierlich Personen über die verschiedensten Trassen umgewälzt. Engpässe gibt es natürlich auch hier, aber in welcher Stadt ist das anders?

Wer mit dem Revier warm werden möchte, wird sich von seinem traditionellen Stadtbild verabschieden müssen. Wenn die anderen deutschen Millionenstädte das 3-Gänge-Menü sind, dann ist die Ruhrstadt das Büffet. Überall zischt und brodelt es, man bedient sich hier und da, pickt sich die Rosinen aus und genießt den Blick von der Halde. Das Ruhrgebiet wird von der Maxime bestimmt: "Wenn meine Stadt es nicht hat, hat es die Nachbarstadt."

Die Achtziger Jahre waren in der Rückschau auch keine Dekade der Ästhetik, aber sie haben ungemein Spaß gemacht.